22.05.2002

Anandamid - macht Schokolade high?
"Schokolade mit Haschisch-Wirkung", diese
dpa-Pressemeldung überraschte und verunsicherte die Öffentlichkeit.
Hintergrund war eine in der Zeitschrift nature veröffentlichte Untersuchung,
in der von der Isolierung gewisser Stoffe aus Schokolade bzw. Kakaopulver berichtet
wurde, die in Verdacht stehen, ähnlich wie Haschisch, die Psyche zu beeinflussen.
Sollte die sog. "Schokoladensucht" etwa eine verkappte Drogensucht
sein?
Die angesprochene pharmakologisch aktive Gruppe von Substanzen ist erst seit
wenigen Jahren bekannt, erstmals wurde sie in Schweinehirn entdeckt. Es handelt
sich um Anandamid (Arachidonylethanolamid) und Analoga. Anandamid ist ein Ethanolaminderivat
der Arachidonsäure, einer mehrfach ungesättigten Fettsäure, die
besonders häufig im zentralen Nervensystem vorkommt. Die neu entdeckten
Stoffe können vom Körper selbst gebildet werden, sind also endogene
Substanzen.
In vivo- und in vitro-Versuche zeigten, dass Anandamid die Fähigkeit besitzt,
sich an die Rezeptoren zu binden, mit denen auch der rauscherzeugende Marihuana-Wirkstoff
Tetrahydrocannabinol (THC) der Cannabis-Pflanze und weitere Cannabinoide (cannabisartige
Wirkstoffe) interagieren. Andere psychoaktive Drogen scheinen diesen Rezeptor
nicht zu besetzen. Besonders häufig sind die Rezeptoren in Regionen des
Gehirns, die mit der Wahrnehmung und Gedankenverarbeitung bzw. den Bewegungsabläufen
beschäftigt sind. Dort kann Anandamid dosisabhängig die cannabisartigen
Wirkstoffe verdrängen.
Die psychoaktiven Auswirkungen ähneln denen, die aus Pflanzen (Cannabis
sativa) gewonnene Cannabis-Drogen (Marihuana, Haschisch) hervorrufen. Mäusen,
denen die Substanz auf verschiedenen Wegen infundiert wurde, zeigten in Tests
folgende Verhaltensveränderungen:
· Nachlassen der motorisch-vegetativen und verhaltensbiologischen Äußerungen
auf das Zufügen von Schmerz (antinociceptiver Effekt) um bis zu 80%
· Nachlassen der körperlichen Aktivität (Hypoaktivität)
um ca. 85%
· Senkung der Körpertemperatur (Hypothermie) um ca. 2-4 °C
· Immobilität bzw. Katalepsie (Starre)
Interessanterweise unterscheidet sich, trotz der sehr
ähnlichen pharmakologischen Profile, die chemische Struktur von Anandamid
stark von der des Marihuana-THC. Unterschiede gibt es in der Pharmakokinetik
beider Stoffe: Anandamid wird viel schneller abgebaut (nach ca. 30 min ist kein
Effekt mehr zu messen, wohingegen THC nach Stunden noch wirksam sein kann).
Seine Wirkungen sind im allgemeinen kürzer (Ausnahme: Antinoception) und
schwächer. Bei intravenöser Applikation wirkte THC 4,4- (Antinociception)
bis 19mal (Hypothermie) so stark wie Anandamid.
Die Analyse von Kakaopulver- und Schokoladenproben
verschiedener Hersteller führte zur Isolierung von Anandamid und den Ethanolamiden
zweier anderer ungesättigter Fettsäuren (Oleoyl- und Linoleoylethanolamin).
In einem Gramm Schokolade wurden zwischen 0,5 und 90 Mikrogramm Gesamt-Acylethanolamine
(also Oleoyl-, Linoleoyl- und Arachidonylethanolamid (= Anandamid) in absteigender
Konzentration) gefunden. Die Wirkung der beiden ersteren Substanzen ist noch
unklar, allerdings hemmen sie den Abbau von Anandamid (bei Konz. von ca. 5 Mikromol
um 50%) und tragen so - verminderter Abbau führt zur Anreicherung - indirekt
zu seiner Wirkung bei. Im unteren Rechenbeispiel wurden sie zur Vereinfachung
als Anandamid gezählt, obwohl ihre tatsächliche Wirkungspotenz um
vieles geringer ist. Außerdem pflegen Menschen Schokolade gewöhnlich
auf oralem Wege zu sich zu nehmen, während den Mäusen die Substanz
Anandamid injiziert wurde. Während der Passage des Verdauungstraktes wird
nur ein Teil des Stoffes in den Körper aufgenommen, so dass auch hier eine
grobe Ungenauigkeit vorliegt.
Bei Labormäusen lösten Anandamid-Gaben zwischen
2 und 20 Mikrogramm pro kg Körpergewicht eine erniedrigte körperliche
Aktivität sowie Hemmung der Angst aus.
Rein rechnerisch müsste daher ein 30 kg schweres
Kind im ungünstigsten Fall 7 Tafeln (0,22 mal 100 g Schokolade pro kg Körpergewicht),
im günstigsten 12.000 (400 mal 100g/kg KG) Tafeln Schokolade - auf einmal
- zu sich nehmen, um die erwähnte Wirkung zu verspüren. Mit einem
derart vollen Magen kann eine erniedrigte Aktivität aber auch andere Gründe
haben. Die Wissenschaftler stellen aber in ihrer Veröffentlichung gleich
selbst in Frage, ob es bei den gefundene Anandamid-Konzentrationen in Schokolade
zu Auswirkungen am lebenden Organismus (oder gar beim Menschen) kommen kann.
Eine weitere Untersuchung beschäftigte sich mit
der Fragestellung, ob Anandamid und andere N-Acylethanolamine oder das Endocannabinoid
2-Arachidonoylglycerol in weitläufig genutzten Nahrungsmitteln vorhanden
sind (u.a. Kakao in verschiedenen Verarbeitungsstufen, Kuh-, Ziegen-, Humanmilch).
Ein vergleichsweise hoher Anteil an 2-Arachidonoylglycerol konnte nur in Milch
festgestellt werden. Anandamid hingegen war selbst in Kakao nur in relativ geringen
Dosen nachzuweisen. Bei einem Verhaltenstest konnte nur bei relativ hohen Dosen
der N-Acylethanolamine bzw. des 2-Arachidonoylglycerols zum Teil eine Wirkung
festgestellt werden. Allerdings entsprechen diese Mengen nicht einer "normalen"
Nahrungszufuhr. Wesentlich ausgeprägter war die Wirkungen einer geringen
Menge an THC. Außerdem konnte bei der oralen Zufuhr von Anandamid und
der anderen N-Acylethanolamine festgestellt werden, dass maximal 5% der Menge
ins Blut gelangt. Der Grund dafür könnte die Fettsäureamidhydrolase
sein, die im Gastrointestinaltrakt in großer Menge vorhanden ist und die
genannten Stoffe hydrolisiert.
Das Fazit der Untersuchung lautet, dass es somit sehr unwahrscheinlich ist,
eine solch hohe Dosis der Stoffe aufzunehmen, dass diese eine pharmakologische
Wirkung entwickeln könnten. Allerdings kann die Untersuchung geringere
und subtilere Wirkungen dieser Stoffe, die bei "normaler" Ernährung
aufgenommen werden, nicht ausschliessen.
Andere, mengenmäßig mehr ins Gewicht fallende
psychoaktive Komponenten von Schokolade sind die Purine Koffein (Trimethylxanthin)
bez. Theobromin (Dimethylxanthin). Theobromin wirkt gefäßerweiternd
und anregend auf den Herzmuskel, aber insgesamt schwächer, v. a. auf das
Zentralnervensystem. Da diese Substanzen im Kakaopulver zu finden sind, enthält
Milchschokolade mit ca. 0,3 mg/100g weniger Theobromin als Bitterschokolade
mit 0,6 mg/100g. Der Purinegehalt insgesamt liegt bei 0,4-0,8% in dunkler und
0,2-04% in heller Schokolade, er besteht zu 85% aus Theobromin und zu 15% aus
Koffein.
Außerdem enthält Schokolade, wie zahlreiche
andere Lebensmittel auch, Spuren der sog. biogenen Amine. Sie steigern den Blutdruck
und beeinflussen die Gehirnfunktionen sowie das psychische Befinden. Einer dieser
Stoffe (2-Phenylethylamin) soll gemütsaufhellend wirken. Als Stammsubstanz
der Catecholamine und vieler Halluzinogene wird es mit dem Entstehen von Lust-
und Glücksempfinden in Verbindung gebracht. Da jedoch die mit üblichen
Schokoladenportionen aufgenommenen Aminmengen vergleichsweise gering sind, ist
es höchst zweifelhaft, ob diese Wirkung durch den Schokoladengenuss ausgelöst
werden kann.
Ein "Sucht" wird wahrscheinlich eher vom
angenehmen Geschmack, dem Aroma und der Textur (zarter Schmelz) von Schokolade
ausgelöst. Leider sind die Folgen eines dauernden Zuviels rasch spürbar:
Der Energiegehalt von Schokolade liegt bei rund 550 kcal/100 g.
Eine kleine Anmerkung: Der Kakao der Schokolade enthält
Oxalsäure, die mit Calcium schwerlösliche Komplexe bilden und so zu
einer verminderten Calciumverfügbarkeit führen kann. Auch Calciumoxalatnierenstein
- Gefährdete sollten Schokolade mit Vorsicht genießen. Bei Milchschokolade
rechnet man mit 11 mg/100 g, bei Zartbitterschokolade mit 90 mg/100 g.
Literatur:
- Neue Literatur aus Nature:
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